Gynäkologische Gesundheit in eigener Hand: warum wir uns mehr Geschichten erzählen sollten!
Gynäkologische Gesundheit wird oft als etwas verstanden, das außerhalb von uns liegt: bei Ärzt:innen, Institutionen oder Diagnosen. Doch es gibt eine lange Geschichte von Frauen und Personen, die sich Wissen, Sprache und Handlungsspielräume rund um ihre Gesundheit selbst zurückgeholt haben.
Dieser Text ist eine Erinnerung daran.
Wie alles begann: Natürliche und autonome Gynäkologie
Der Ausgangspunkt für meine Auseinandersetzung mit diesem Thema war eine Episode des Womb & Beyond Podcasts, die ich gemeinsam mit Andrea Rubiano, Doula, traditioneller Hebamme und einer meiner Mentorinnen hier in Bogotá aufgenommen habe.
Wir sprachen über natürliche beziehungsweise autonome Gynäkologie - ein Ansatz, mit dem ich in Kolumbien in den letzten fünf Jahren immer wieder in Frauengruppen und in meiner Arbeit in Kontakt gekommen bin.
Die Frage, die mich dabei besonders beschäftigte, war:
Wie lässt sich dieses Wissen in den deutschsprachigen Kontext einordnen?
Denn persönlich war mir diese Form von gynäkologischem Körperwissen in Deutschland als Teenagerin und junge Frau kaum begegnet.
Körperwissen war da – aber nur in Minimalform
Natürlich wusste ich, dass Körperwissen wichtig ist.
Doch das, was mir in der Schule vermittelt wurde, war eine sehr grundlegende, oft rein funktionale Basis.
Alles darüber hinaus musste ich mir selbst zusammensuchen.
Das war nicht immer leicht. Der weibliche Körper und medizinische Ansätze jenseits der allopathischen Medizin galten lange als:
zweitrangig
unseriös
oder schlicht nicht relevant
Entsprechend schwer zugänglich waren Informationen, Materialien und Räume, in denen gynäkologische Gesundheit selbstbestimmt thematisiert wurde.
Autonome Gynäkologie: Wissen als Empowerment
Die Bewegung der natürlichen oder autonomen Gynäkologie basiert auf gebündeltem Wissen:
anatomisch
physiologisch
praktisch
heilpflanzlich
Ziel ist es nicht, Medizin zu ersetzen, sondern Menschen zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen und das medizinische System selbstbestimmter zu navigieren.
In Deutschland schien mir diese Bewegung lange unsichtbar.
Bis ich genauer hinsah.
Feministische Gesundheitszentren: Eine vergessene Geschichte
Bei meiner Recherche stellte ich fest: Diese Arbeit gibt es auch hier.
Und zwar seit den 1970er-Jahren – organisiert und offiziell.
In Form der Feministischen Frauengesundheitszentren.
Im Juli hatte ich die Möglichkeit, das Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ) Berlin-Schöneberg zu besuchen. Ich war ehrlich erstaunt über diesen Ort: ein Raum für Frauen sowie für reproduktive und sexuelle Gesundheit, mit einer großen Vielfalt an Informations- und Beratungsangeboten.
Doch wie ist das FFGZ eigentlich entstanden?
Die Anfänge in den 1970er-Jahren
Die 1970er waren eine Zeit, in der die Gynäkologie stark männlich dominiert war. Gynäkologische Untersuchungen fanden häufig nicht auf Augenhöhe statt. Viele Frauen erlebten:
Infantilisierung
fehlende Aufklärung
Bewertungen ihres Körpers
Eine prägende Geschichte ist die von Carol Downer aus den USA. Bei einer gynäkologischen Untersuchung kommentierte ihr Arzt ihren Gebärmutterhals abwertend. Verunsichert, aber auch empört, begann Downer, sich selbst mit ihrem Körper auseinanderzusetzen.
Sie baute ein eigenes Spekulum und führte eine vaginale Selbstuntersuchung durch – ohne ärztliche Assistenz. Ihr Ergebnis: Ihr Gebärmutterhals sah für sie völlig gesund aus.
Dieses Wissen teilte sie mit anderen. Es entstanden Workshops, Austauschgruppen und schließlich das erste Women’s Health Center in San Francisco. Die Bewegung wuchs, auch international.
1974 entstand daraus das erste Feministische Frauengesundheitszentrum in Berlin, das FFGZ in Schöneberg.
Was das FFGZ heute anbietet
Heute gibt es Feministische Frauengesundheitszentren in mehreren deutschen Städten.
Das Angebot des FFGZ Berlin umfasst unter anderem:
Workshops zur vaginalen Selbstuntersuchung
Beratungen zu Verhütung, Schilddrüse, Beckenboden
Begleitung bei Myomen oder Endometriose
Informationsmaterialien und Ressourcen
kostenfreie Angebote für Betroffene sexualisierter Gewalt
Das Preismodell ist bewusst niedrigschwellig gestaltet, um möglichst vielen Menschen Zugang zu ermöglichen.
Zusätzlich veröffentlicht das FFGZ regelmäßig die Zeitschrift Clio, in der Fachpersonen aus Wissenschaft, Praxis, Medizin, Naturheilkunde und Selbsthilfe ihr Wissen teilen.
Warum wir uns mehr Geschichten erzählen sollten
Als ich das FFGZ besuchte, wurde mir vor allem eines klar:
Wir sind nicht die Ersten.
Oft fühlt es sich so an, als müssten wir alles neu herausfinden. Doch vor uns gab es viele Frauen und Personen, die diese Arbeit bereits geleistet haben. Wissen wurde jedoch verdrängt, versteckt oder der Zugang erschwert.
Der Raum des FFGZ lädt dazu ein, sich zu erinnern - an unsere Ahninnen, an Bewegungen, an kollektives Wissen.
In einer weiteren Womb & Beyond Podcast-Episode, in der ich mit Nina Schernus, Sexualpädagogin und Mitarbeiterin des FFGZ Berlin, gesprochen habe, sagte sie zum Abschluss einen Satz, der geblieben ist:
„Wir brauchen Räume füreinander. Und wir sollten uns gegenseitig mehr Geschichten erzählen.“
Gesundheit braucht Räume, Geschichten und Verbindung
Gynäkologische Gesundheit in eigener Hand zu halten bedeutet nicht, alles alleine zu machen. Es bedeutet, Zugang zu Wissen zu haben.
Räume zu teilen. Geschichten weiterzugeben.
Zusammenkommen, uns austauschen, uns verbinden - das ist keine romantische Idee, sondern eine politische und gesundheitliche Notwendigkeit.
Die Podcast-Episode „Gynäkologische Gesundheit in eigener Hand -Ein Gespräch mit Nina Schernus vom FFGZ“ kannst du hier anhören:
Materialien für die Durchführung einer vaginalen Selbstuntersuchung. Credit @ffgzberlin
Nina Schernus vom FFGZ Berlin mit einer Ausgabe des Clio Magazins.
Beratungsraum im FFGZ Berlin
Ausgabe des Magazins “Clio” vom FFGZ Berlin